Tradition des Zusammenlebens

Jüdisches Leben ist im aargauischen Surbtal seit Anfang des 17. Jahrhunderts belegt. Damit beginnt ein neues Kapitel der Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz nach Jahrhunderten der Verfolgung, Vertreibung und Auslöschung während des Mittelalters. Bis ins 19. Jahrhundert waren Endingen und Lengnau die einzigen Orte in der alten Eidgenossenschaft, wo sich Jüdinnen und Juden niederlassen durften. Ihr Aufenthaltsrecht mussten sie sich alle 16 Jahre von der Tagsatzung erkaufen. Der Landvogt von Baden regelte die Niederlassungsbedingungen und die Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt. Die Juden durften kein Handwerk ausüben, kein Land kaufen, keine Häuser bauen oder als Bauern tätig sein. Sie durften ihren Lebensunterhalt hauptsächlich als Viehhändler bestreiten.

Im Gemeinde- und religiösen Leben erhielt die jüdischen Dorfbevölkerung jedoch weitgehende Autonomie. Die jüdischen Einwanderer durften eigene Gemeinden gründen – parallel zur christlichen Dorfgemeinde.

 

Bemerkenswert ist die dörfliche Form des damaligen Zusammenlebens zwischen der einheimischen christlichen Bevölkerung und der zwangsweise angesiedelten jüdischen Minderheit. Im Unterschied zu den städtischen Orten in Europa wurden Jüdinnen und Juden im dörflichen Leben im alemannischen Kulturraum nicht ghettoisiert, sondern lebten verteilt in den Häusern eines Dorfes –  auch wenn behördliche Vorschriften oft verlangten, dass sie abgesondert und nicht mit Christinnen und Christen beieinander zu wohnen hätten. Dies galt so auch für die schweizerischen Jüdinnen und Juden im Surbtal, wo in Lengnau und Endingen Doppeltürhäuser zu finden sind. Der Sinn der Wohnform dieser Doppeltür-Häuser ist historisch strittig, was die Bedeutung des jüdisch-christlichen Zusammenlebens unter gemeinsamem Hausdach betrifft. Ob die mit zwei identischen, nebeneinander liegenden Eingängen ausgestatteten Häuser notwendig auf jüdische und christliche Bewohnerinnen und Bewohner schliessen lassen, ist so ungewiss wie die Annahme, dass dies zeit- und fallweise nicht so gewesen sein könnte. Die wie eine Legende vermittelten Deutungsangebote entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einem einzigartigen Symbol. Die Doppeltür wurde so zu einem Sinnbild für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft. Mit diesem Symbol wird die zwei Jahrtausende alte jüdisch-christliche Geschichte an einem lokalen Ort veranschaulicht, der das Bewusstsein für die bemerkenswerte Vergangenheit hervorrufen kann. Mit dem Sinnbild der Doppeltür soll so auch für die Zukunft das Bekenntnis zu Toleranz, Dialog und Zusammenleben gestärkt werden.

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Verein Doppeltür

Würenlingerstrasse 11

5304 Endingen

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Abbildungen

Roy Oppenheim, Archiv für Zeitgeschichte, Jürg Schönenberger, Susanne Holthuizen, IRAS COTIS (Karim Fawaz), Wiki Commons, Museum Aargau, Beat Heuberger, Swissair.